Carl Schwarz - Orissa, Indien
Seit einem Monat befinde
ich mich nun wieder auf unserer Insel der Glückseligen. Zurückgekehrt aus …
Indien. Doch was heißt das schon. Indien. Nach 4 Monaten Anthropologiestudium in
Orissa, einem guten Monat Selbstfindung in Karnataka und kleineren Ausflügen
nach Goa, Kerala und Kalkutta ist für mich das Konstrukt Indien zu einer zu
wagen Aussage geworden, um damit annähernd hollistisch zu arbeiten. Ein Viele wie ich es noch
nicht erlebt hatte.

Angekommen mit Erzählungen aus den Indien-erprobten
Tübinger Ethnologie- und Indologieinstituten, von befreundeten Indienreisenden,
vermischt mit vermeintlichen spirituellen Wurzeln und Sinngebungserfahrungen
und geprägt von den literarischen Hinterlassenschaften von Generationen
europäischer Morgendlandfahrer, mit
einer ordentlichen Ladung Orientalismus vermischt, blieben zunächst die üblichsten Teile der Erfahrungsberichte am prägnantesten wie: viele Menschen,
Chaos, Armut, Kühe, bunte Kleider und Gerüche und die Warnungen vor gierigen
Händlern, die geschickt versuchen werden mich übers Ohr zu hauen.
Nach einem anstrengenden ersten Tag in Kalkutta und der
ersten Nachtzugfahrt nach Sambalpur befand ich mich also in Orissa, dem Teil
Indiens, in dem ich am längsten und intensivsten Gast sein durfte. Und dort
standen auch gleich die gierigen Händler und Rikshaw-Fahrer Schlange, um die übergut zahlenden ausländischen Gäste in Empfang zu nehmen.
Nach harten Verhandlungen traf man sich
bei einem mir annehmbar erscheinenden Preis, nur um nach der ersten Woche
festzustellen, dass wir teilweise weniger als das Übliche gezahlt hatten.
Meine erste verwunderliche Erkenntnis war also, trotz zahlreicher
anderslautender Warnungen, ein aufrichtiges, neugieriges Begegnen seitens der Einheimischen,
auch wenn korrumpierendes Geld mit im Spiel ist. Merkwürdig.

Die Sambalpur Universität war für mich erstmal… Uni.
Schwieriges Terrain für die Lebensrealitäten der Bevölkerung
repräsentierende Begegnungen. Aus wohlhabenden, aufstiegshungrigen und\oder
abstiegsangsterfüllten Verhältnissen Kommende. Leider sah ich mein
globalisiert scheinendes Vorurteil der Überkonformität in diesen Schichten
gefühlt bestaetigt.
Beispiel: Streiks. Oft wurde gesteikt. Mit breiter Unterstuetzung und manchmal
sogar durch Zwang - als eines gewoenlichen Tages ein Streikkomiteeabgeordneter
im kleinen Anthropologieinstitut auftauchte und verkündete, wenn er nochmal
kommt und der Unterricht trotz Streik statt findet, wird die Einrichtung
demoliert.
Also gut, Streik.
Wogegen, wofür wird jedoch eigentlich gestreikt? Auf Nachfragen im Institut
und bei Mitstudierenden wird lächelnd ausweichend reagiert. Einer der vertraut
gewordenen Lehrer grinst etwas verlegen und scheint verwundert über unser
Interesse an den Streikgründen. Außer
dass es um Anwälte geht, die eine kommende Wahl boykottieren wollen. Mehr
können wir nicht in Erfahrung bringen.

Während meines ersten Sambalpur Stadtbesuches mit
Gunilla – circa eine dreiviertel Stunde Bus-, Rikshaw- oder Radfahrt entfernt –
finden wir unseren Weg, durch unbekannte Geschicke gelenkt, in den Bhura
Raja-Mandir. Ein kleiner Tempel auf einem bewaldeten Hügel ohne Trubel und
ohne Spendenkiste. Freudig-neugierig werden wir inspiziert und ehe wir es uns
versehen, sitzen wir Tee trinkend und rauchend in einer kleinen Runde Männer
beim Schachspielen und erproben anderweitige Kommunikationswege. Bei einem
kleinen Spaziergang wird uns der bewaldete Hügel mit herrlicher Aussicht auf
die Umgebung gezeigt. Es werden uns die Namen und teilweise die
Verwendungsweisen verschiedener Pflanzen erklärt und in einer anderen Ecke des
Hügels hat Ram höchstpersönlich in massivem Fels einen Fussabdruck
hinterlassen. Zum Abschied bekommen wir noch eine Kleinigkeit zu essen und werden
auf die Trinad-Mela am kommenden Sonntagabend eingeladen. Ein regelmäßiges
Fest zur Huldigung Brahmas, Vishnus und Shivas.
Nächsten Sonntag steigen wir also bei Mondschein wieder den besagten Hügel
hinauf, wo wir etwas verspätet ankommend mit Handzeichen in eine Runde von
einem guten Dutzend in einer Ecke des Tempelhofes Sitzender aufgenommen werden.
Vor der restlichen Gruppe liest ein Priester im Sprechgesang aus einem Buch.
Die Teilnehmer haben es sich auf Decken bequem gemacht, rauchend, manche mit
geschlossenen Augen wippend in Trance versunken, andere einfach bedächtig,
still zuhörend. In unregelmäßigen Abständen erfolgt eine kurze kollektive
Antwort auf die Worte des Priesters. Bald wird gemeinsam aufgestanden und zu
einem wenige Meter entfernten Schrein gewandelt, wo sich die drei Gottheiten, Brahma, der Erschaffer, Vishnu der Bewahrer
und Shiva der Zerstörer befinden. Ihnen wird durch Verbeugung gehuldigt. Der
Priester segnet durch eine Farbmarkierung auf der Stirn die Teilnehmer und es
wird das Prasad verteilt. Die Zeremonie ist beendet und alle Teilnehmer versammeln
sich wieder auf den Decken und es kommt zu Gesprächen. Wir erfahren, dass die
meisten Anwesenden Handwerker, ein Polizist, Arbeiter sind. Es kommt zu einer
Situation, in der jemand seine vielleicht ein wenig verärgerte Verwunderung über unsere Anwesenheit bekundet. Unser Hauptansprechpartner, da er am besten
Englisch zu sprechen scheint, erwidert etwas wie “…they respect us…”. Ich bin
mir bei dieser Deutung alles andere als sicher. Sie spiegelt jedoch meinen
Eindruck des funktionierenden Tempels in Orissa wieder: Jeder Respektierende
ist willkommen, den Tempel mit zu benutzen. Es scheint eine Runde Altbekannter
und Freunde zu sein, die, da kein Spenden durch Besucher üblich zu sein
scheint, ihren Tempel vermutlich selbst tragen und somit in ihrem Sinne
erhalten können.
Und auch auf die andauernden Streiks kommen wir zu sprechen und erfahren sicher
nur einen Teil der Wahrheit und der Beweggruende, aber wenigstens einen Teil.
Kosal. Der Name für ein angestrebtes autonomens Bundesland, bestehend aus den
Regionen Westorissas. Die sparatistische Bewegung erfährt breite
Unterstützung vielschichtiger Teile der Bevölkerung des ärmeren, zum grossen
Teil tribal geprägten und rohstoffreicheren Westens von Orissa. Mir genannte
Gründe sind die ungleiche Verteilung
der Staatsfinanzen und Investitionen in Infrastruktur und Bildung im
Osten um die Hauptstadt Bhubaneswar und entlang der Küste, die deutlich
weniger tribal und stärker hinduistisch geprägt ist. Auch sind die meisten
grossen Damm-, Bergwerk- und Industrieanlagenprojekte im Westen zu finden,
welche regelmäßig zur Verwüstung großer Landstriche, Umweltverschmutzung
und versagend umgesetztem Resettlement von unzählbaren Einheimischen führen,
die tief in Symbiose und Abhängigkeit mit dem Grund und Boden, auf dem sie
geboren wurden, leben. Gut bezahlte Arbeitsplätze, die dabei geschaffen werden,
kommen weniger den vergleichsweise schlecht mit Bildung versorgten Menschen in
Westorissa als den von auswärts Kommenden mit höherer Bildung zugute.
Diesmal gewinnen sie den schon Jahrzehnte andauernden Kampf, wird uns
versichert.

Ale do buru sed merom gupi chala kana – Wir gehen mit den
Ziegen in den Wald
In Orissa an der Sambalpur Universität war ich nun also.
Die laufenden Veranstaltungen der Erst- und Drittsemester des Master of
Anthropology und des Master of Social Work stehen mir zur Verfügung. Die
beiden Institute sind eng miteinander verzahnt. Die Anthropologen der Sambalpur
Universität werden nicht, wie in der europäischen Ethnologie üblich, dafuer
geschult, Kulturen, die gänzlich unabhängig von und außerhalb des eigenen
Kulturkreises angesiedelt sind, zu erforschen, sondern werden gezielt auf
regional vorhandene, von der indisch, hinduistischen Kultursphäre sich
unterscheidenden Ethnien spezialisiert. Im Falle der Sambalpur Universität in
Westorissa mit hohem Anteil tribaler Bevölkerung liegt ein starker Fokus auf
tribal studies. Im Sinne des allumfassenden development plan also
spezialisierte social worker für gesonderte Kulturen in der indischen
Bundesrepublik.
Die Veranstaltungen, die ich besucht habe, waren neben den anthropologischen
Veranstaltungen tribal studies und resettlement and rehabilitation noch social
legislation and welfare des Master of Social Work. Dazu sporadisch einzelne
andere Veranstaltungen. Die Unterrichtssprache Englisch macht es mir, nach
Eingewöhnungsphase, recht leicht den Worten der Dozenten zu folgen. Jedoch, die
sich teilweise recht stark unterscheidenden Englischkenntnisse meiner indischen
Mitstudierenden lassen bei Nachfragen und aufkommenden Diskussionen die
Unterrichtssprache oft in Oriya und oder Hindi, vermischt mit Englischen
Fachwörtern abdriften. Meine leider noch immer mangelhaften Hindi- und
Oriyakenntnisse waren mir dabei keine Hilfe. Der geplante Oriya-Sprachkurs, um
unser angefangenes Sprachstudium fortzuführen kam leider immer erst “soon” zu
Stande. Bis er nach den ersten Wochen zögerlichen Selbststudiums ganz aus
meinen Studienplaenen verschwand, da nach langem hin und her, zögerlichen
Zusagen des Instituts und Ungewissheit, ob unsere Teilnahme erwuenscht ist,
doch feststand, dass ich zusammen mit Gunilla die Drittsemester-Gruppe der
Anthropologen auf eine 6-woechige (bei Abreise war die Zeit auf 3 Wochen
geschrumpft) Gruppenfeldforschung in einem kleinen, abgelegenen Santal-Dorf
begleiten werde. Also, meine Oriya-Versuche vorerst als gescheitert aktzeptiert
und angefangen Santali zu lernen. Das
Dorf, in dem die Feldforschung statt finden soll, ist die Heimat von Suresh
Murmu, einem der Dozenten und eben selbst Santal, mit dessen Hilfe ich mir
einen kleinen Wortschatz und einige Redewendungen aneignen kann.
So begannen alsdann meine ersten Schritte im Feld. Mit
einer Gruppe von einem guten Dutzend Stundenten der Sambalpur Uni, zweier
Lehrer als field instructor und zwei weissen Auslandsstudenten fuhren wir
morgens noch vor Sonnenaufgang in ein kleines, gepflegtes Dorf ein. Alle
Einwohner schienen schon auf den Beinen, um die Strassen zu fegen, sich die
Zaehne mit einem Stueck Wurzel zu putzen und die in drei Jeeps anfahrende
Gruppe Besucher zu begutachten. Ich und Gunilla werden nach dem Aussteigen in
den Hof der Familie unserers einheimischen Lehrers mitgenommen, wo wir von der
gesamten Grossfamilie ehrenvoll mit symbolischem Füße küssen begruesst
werden. Saeuberlich gefegte Strassen, solch hochachtungsvolle Begruessung - ist
das alles echt, oder für die Gruppe inszeniert - kommt uns in den
misstrauischen Kopf. Jedoch scheint jedes Santal-Dorf äßerst ordentlich und
gepflegt zu sein und die Sonderbehandlung der ausländischen Gäste ist nun
wahrlich auch keine neue Geschichte.
Erste Zweifel an der Authentizitaet bei Seite geschoben und eine kurze
Ruhepause eingelegt beginnt die erste Kontaktaufnahme. “Joharge! Abin besge
chedleka menama?” – Hallo! Wie geht es ihnen?. Fuehrt zu Verwunderung und
freudigen Antworten “Besge, besge!” – Alles gut. Vor allem ein mit hoher
Stellung im Dorf und vielen Ziegen ausgestatteter Herr scheint Gefallen am frei
kommunizieren mit den auslaendischen Gaesten zu haben. In den naechsten Tagen
nimmt er mich mit, die Fischreusen zwischen den das Dorf umgebenden Reisfeldern
zu wechseln, wir verbringen Arbeitspausen nebeneinander sitzend und ich darf
ihn und seine Ziegen beim Ausführen in den Wald begleiten. Dabei zeigt er auf
Pflanzen, Gegenstände und was ihm gerade in den Sinn kommt und sagt mir die
Santali-Woerter dazu, in einer Geschwindigkeit, dass ich schwer beschäftigt
bin mitzuschreiben und zu versuchen, mir so viel wie möglich zu merken.
Noch am eindrücklisten ist mir das Fußball spielen mit der männlichen
Dorfjugend geblieben. Zu zweit auf klapprigem Rad über die zahlreichen
Straßenhügel wackelnd, weiter zu Fuss zwischen Reisfeldern auf schmalem Weg
balancierend und auf einem gut gefüllten improvisierten Fussballfeld mit mir
völlig unuebersichtlicher Teameinteilung in den Sonnenuntergang zu kicken. Für
mich sehr wertvolle teilnehmende Beobachtungen, die mir einen kleinen Eindruck
des alltäglichen Lebens im Dorf abseits der Interviews zu den konstruierten
Fragen der Forschung bietet.
Die ersten praktischen Forschungserfahrungen mache ich mit Hilfe von unserem
einheimischen Lehrer und dessen Cousin als Übersetzer. Ich versuche, verschiedene
Formen der Auswirkungen und Veränderungen im Zuge von development und
Anschluss an die indische mainstream-Gesellschaft und dem Aufeinandertreffen
von tradierter, dörflicher Lebensweise und einem modernen, neu enstehenden
Lebensmodell zu untersuchen. Nach den ersten Gesprächen bekomme ich schnell
Anhaltspunkte und Ideen, um das Thema einzugrenzen, zusammen mit Namen von
anderen Dorfbewohnern, bei denen ich weitere Informationen erhalten könnte.
Verbindungen knüpfen sich, die Gegend wird erkundet, ich lerne neue Worte, die
Forschung scheint sich gut zu entwickeln und ist heiter motivierend.
Der vierte
Tage bricht an. Unser Lehrer Suresh Murmu ist in der nächsten größeren Stadt
um beim lokalen police supervisor zu melden, dass sich zwei Ausländer in der
als “protected tribal area” deklarierten Gegend aufhalten. Es kommt wies
kommt. Wir sollen am gleichen Abend mit der zweiten uns begleitenden Lehrerin
Rashmi Pramanik unverzüglich, ohne Umwege, zurück an die Sambalpur
Universität kommen. Die neuen police regulations waren dem Institut bisher
nicht bekannt. Aus 6 Wochen sind 3 und letztendlich 4 Tage geworden…
Es folgt Frust und eingestauchte Motivation. Gefühlt wurden Versprechen nicht
eingehalten, wenig Empathie für unsere schwierige Lage auf uns fremden Boden
entgegen gebracht und was am ärgsten schmerzte, wir konnten nur über
Rechtfertigung durch Forschungsprojekte und genauer Planaufstellung waswannwo
die Universitaet länger als einen Tag lang verlassen. Überlegungen, die
letzten 2 Monate an der Sambalpur Universitaet ohne Verlust des Stipendiums zu
verkürzen, führten im Austausch mit Gunilla zu der Erkenntnis, dass wir
vermutlich von unseren Betreuern im Institut in Tübingen belächelt und zum
Durchhalten angehalten werden würden.
Die folgenden zwei Monate war ich also gefangen im Guesthouse der
Sambalpur Universitaet.
Meine Lektion: Wie vorgestellt und geplant klappts
selten. Durch Improvisation und Durchhaltevermögen bekommt man
nichtsdestotrotz, oft ganz unverhofft, sehr viel und braucht nicht aufhören,
sich überraschen zu lassen.
Die Semesterzeit überstanden und fast zwei Monaten Zeit
frei zu reisen, begann der zweite Teil meiner Zeit in Indien. Nach 4 Monaten
ohne die gewohnten Vergnuegungen fand ich diese schnell wieder bedient und konnte
Seele und Kopf frei baumeln lassen. Kurze Zeit in Goa und noch 4 Wochen in
Karnataka fand ich Gefallen an einer Lebensform, geloest von der gewohnten
Heimat und Strukturen und nirgends richtig angekommen, um in dieser liminalen
Sphäre besondere, befreite Begegnungen einzugehen. Dabei konnte ich mein nach
4 Monaten Sambalpur Universitätsalltag leicht geschädigtes Indienbild
kompensieren und reparieren.
Viele Indiens durfte ich bestaunen und
ein wenig teilhaben. Und erkennen, dass es noch tausendundeins weitere mehr zu
entdecken gibt.
Danke, dass ich ein so glücklicher Gast sein durfte und bis bald, Indien, du
Merkwürdige.