Donnerstag, 28. Januar 2016

Brigitta Reiner - Adana, Türkei



2. November 2015, Halbzeit des Mobilitätssemesters: das sind für mich 9 Wochen, die ich in der Türkei, genauer: in Adana, verbracht habe. Als ich gestern ins International Office kam, um meine resident permission abzuholen und nach dem Verbleib meines learning agreements zu fragen, sprach ich die Erasmus-Verantwortliche auf türkisch an. Ich war verblüfft...was war geschehen? Kurze Zeit vorher hatte ich im Krankenhaus mein erstes Interview mit einer Assistenzärztin auf türkisch gehabt und war, einfach so, in der fremden Sprache geblieben....
Ist das ein deutliches Zeichen, dass die Talsohle des „Kulturschocks“ überwunden ist und ich anfange, mich „zu Hause“ zu fühlen?
Die Sprache spielt bei dem Prozess der Anpassung an eine neue, wie auch immer beschaffene Kultur, eine äusserst wichtige Rolle. Sie bestimmt in einer modernen Gesellschaft den Grad von Teilhabe am
Leben, von Kontaktmöglichkeiten mit Menschen.


Stadtrundfahrt der Erasmusstudenten mit türkischen peer-
Studenten. Hier: vor dem "Conan Dede Türbeis",
einem islamischen Volksheiligtum.
Meine Erasmus Komiltonen kommen zum größten Teil  ohne Türkischkenntnisse zurecht: sie haben sich und ein paar englischsprechende türkische Studenten. Damit lässt sich ein abwechslungsreiches Semester im Ausland verbringen.
Ich lebe nicht auf dem Kampüs, sondern bei einer Gastfamilie. Die Eltern sprechen nur türkisch. Die  Kinder sind aus dem Haus: sie studieren, bzw. arbeiten in Istanbul, 1,5 Flugstunden entfernt.

Vor der "Sabancı Merkezi Camıı", der
größten Moschee der Türkei





Nach zwei intensiven Semestern Türkischunterricht an der Uni möchte ich jetzt diese Sprache sprechen lernen. Damit ich Interviews zum Thema Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett führen kann. Im Krankenhaus, aber auch überall dort, wo ich Frauen begegnen kann. Nach neun Wochen geht das(s.o.) also schon. Fernsehen -der Apparat läuft den ganzen

Tag- ist noch schwierig. Schade, denn neben vielen emotionsgeladenen Serien, die auch nonverbal zu verstehen sind, interessiert sich mein Gastgeber für viele Nachrichtensendungen und politische Geprächsrunden. Auch dem Tratsch der Frauen beim Kaffee kann ich bisher nur einzelne Brocken entnehmen. Neben einem großen Maß an Geduld und Gleichmut aber auch mit Humor und Geistesgegenwart kann ich solche Situationen nicht nur aushalten, sondern ihnen immer wieder kleine Sprech-und Verständniserfolge abgewinnen. Und wenn mich meine Gastgeberin mit dem Kosenamen balım (mein Honig) bedenkt, spüre ich deutlich, dass ich trotz –oder wegen?- meiner eingeschränkten sprachlichen Kommunikationsfähigkeit,
zu ihnen gehöre.


Als Erasmusstudentin studiere ich natürlich auch: an der theologischen Fakultät genieße ich Privatsitzungen mit den Professoren der Philosphie (Ethik), auf deutsch, der vergleichenden Religionswissenschaften und der Geschichte des Islam (englisch). Leider habe ich auf diese Weise nur sehr wenig Kontakt zu den Student_innen der Fakultät; dafür sind die Sitzungen sehr intensiv, was mir persönlich gefällt. Das respektvolle hocam (mein Lehrer) in der Anrede entfällt dabei auch....

"Stillende" im Freiluftmuseum von Karatepe/Osmaniye,
Ausgrabungsstätte eines hethitischen Burgbergs (7. Jh. v. Ch.)
Mein Studienprojekt plagt mich dagegen sehr: als ich im Frühjahr mit meiner Supervisorin (einer Professorin der Fachhochschule für Krankenpflege und Geburtshilfe) über meinen Wunsch, in der Klinik sowohl auf der Entbindungs- als auch Wochenbettstation zu hospitieren (Teilnehmende Beobachtung) und Interviews zum Thema der Begleitung von Frauen in Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett zu führen, meinte sie, dass das alles kein Problem sei. Meine Befürchtungen, dass es dann im Herbst, wenn es ernst wird, doch nicht so einfach sein würde, bestätigten sich leider. Jetzt kämpfe ich mit einem auf türkisch zu schreibenden Forschungsantrag. Die nur sehr wenig englisch sprechende Professorin und ihre Assistentin kennen keine qualitative, rekursive Forschung und weisen mich immer auf die Vorlage anderer quantitativer Forschungen hin. Meine Dolmetscherin ist mal mehr, mal weniger zuverlässig. Alle sind dabei sehr bemüht....was mich aber eher verzweifeln lässt, denn es scheint mehr Probleme als Fortschritte zu geben. Es sind die Erinnerungen an die Sitzungen zum Thema „Erschließen des Feldes“, die mir in dieser Situation wirklich helfen: ich erlebe jetzt vieles „live“! Nun, ich hoffe, dass die anderen Phasen auch noch an die Reihe kommen- und denke dabei aber gleichzeitig auch schon an einen Plan „B“. Ich fühle mich auf der Schwelle stehend...

Es gab zwei Erlebnisse, die mich aus der kleinen Welt einer Erasmusstudentin herausrissen und, so erlebte ich es, mit der gesamtgesellschaftlichen Situation in der Türkei konfrontierten: ihre Spaltung in ein konservativ-autokratisches und ein modern-demokratisch (und zivilgesellschaftliches) „Lager“. 

Kreuzung Baraj Yolu-Turgut Oval Bulvarısı:
Die Symbole der Türkischen Republik - die Nationalflagge
und Atatürk. Seit der Gewalteskalation prägen sie als Zeichen
der Trauer und nationalen Verbundenheit vielerorts das
Straßenbild.
Seit meiner Ankunft Anfang September waren die Gewalttaten im Südosten des Landes zwischen PKK und der türkischen Armee eskaliert. Über die täglichen z. T. hochemotionalen Fernsehberichte erlebte ich auch bei meinen Gastgebern eine steigende Anspannung und Angst um die Zukunft ihres

Landes. Am 1. November sollten Wahlen stattfinden. Bei dem Bombenanschlag auf die große Friedensdemonstration in Ankara am 10. Oktober war unter den über 100 Toten auch eine Studentin der Çukurova Üniversitesi. Drei Tage später fand auf dem Campus eine Gedenk- und Protest- /Friedensdemonstration statt. Mir erschien es wie eine Erlösung, endlich eine andere Form der politischen Auseinandersetzung als Gewalt zu erleben. Gespräche mit Studenten und Beschäftigten der Universität schlossen sich an.

Am nächsten Tag fand das offizielle Erasmus-Dinner mit dem Rektor und etwa 30 Verwaltungsangestellten der Universität statt. Es wurde ein köstliches Essen serviert. Darüber hinaus schien man jedoch kein besonderes Interessse daran zu haben, dass wir Studierenden aus dem Ausland uns willkommen fühlen könnten: irgendjemand spulte ein paar Begrüßungsfloskeln in schlechtem Englisch herunter. Niemand wurde vorgestellt. Wir saßen zwar an einer Tafel, blieben uns aber völlig fremd. Mit den spontanen Freundschaftsbekundungen und Einladungen, die ich bereits vielfach erlebt hatte, hatte dies nichts zu tun.


19. November 2015. Inzwischen ist die Talsohle tatsächlich überwunden: die Vielfalt meines Alltags sowie das beständige Beschreiben und Reflektieren desselben haben mich schließlich so stark mit dem Leben in dieser neuen Kultur verbunden, dass ich schon anfange zu überlegen, was ich wohl in Deutschland vermissen werde...doch bis dahin ist noch etwas Zeit. 

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