Dienstag, 5. November 2013

Matthias Schulze - Windhoek, Namibia



Sonntag, 03. November 2013
Windhoek, Namibia



Wenn der Ethnologe besser mitsingt – Erfahrungen teilnehmender Beobachtung
von Matthias Schulze

Erreicht man nach gut 10-stündigem Direktflug den Internationalen Flughafen Windhoek, wird der aussteigende Passagier von einem freundlich überschaubaren Flugfeld empfangen. Kein Mega-Flughafen der Größenordnung Frankfurts, Paris oder Londons. Eher provinziell wirkt es, wenn man über das Rollfeld läuft und zur Passkontrolle weiterzieht. In der Warteschlange stehend, richten die Angekommenen ihren Blick auf die notwendige Kontrolle ihrer Dokumente, die Abholung ihres Gepäcks und die anschließende Weiterfahrt. Der Transit-Status, die jeden Passagier gleichermaßen erfassende Liminalität soll ein Ende finden. Den Raum des Übergangs – und Flughäfen sind solche Räume par exellence – möchte man hinter sich wissen.
In dieser nur allzu verständlichen Orientierung jedes Einzelnen, gerät ein Schriftzug über den Haupteingang schnell aus dem Fokus der Aufmerksamkeit: Hosea Kutako International Airport. Bei dem Namenspatron des Flughafens handelt es sich um einen der profiliertesten Herero Paramount Chiefs des 20. Jahrhunderts, einem der couragiertesten Wegbereiter und Gründerväter des unabhängigen Namibias. Für den Eingeweihten ein erster Hinweis, wen es in der namibischen Nation zu ehren, zu kennen und zu memorieren gilt.

Mit dem Taxi geht es dann stadteinwärts weiter. Nach dem Ankommen gilt es, sich zurechtzufinden, sich anzupassen – kulturell wie klimatisch. Für den urbanen Raum Windhoek bedeutet dies auch an einem Medium der überlokalen Öffentlichkeit teilzuhaben: der Zeitung. Umgerechnet für nur einige Cent zu erhalten, gerät man in den Sog einer vielfältigen Zeitungslandschaft, die ihre Leser über die neuesten nationalen, internationalen und lokalen Geschehnisse informiert hält. Und mit einem Mal ist sie da, Schwarz auf Weiß: die postkoloniale Symbolpolitik. Der Caprivi-Steifen im hohen Norden des Landes soll von nun an Sambesi heißen – weg mit dem kaiserzeitlichen Fossil von Reichskanzler. Genauso mit dem rund 800 Einwohner zählenden  Schuckmannsburg: weg mit dem historischen Ballast und her mit einem neuen Namen: Luhonono. Aber es wird noch indigener: Lüderitz soll nun ǃnamiǂNûs heißen. Die in der ungewöhnlichen Schreibweise angedeuteten Klicklaute des Khoekhoegowab der Nama zu beherrschen, versteht sich von selbst.
Aus der Ferne kommend, entwickelt man Sympathien für diese längst überfällig wirkenden Benennungen. Ein postkolonial gesonnener Ethnologe ist geneigt, diese Re-Indigenisierung von Ortsnamen zu begrüßen. Scheint es doch plausibel, das koloniale Erbe endlich abzustreifen. Die Begründung ist nun mehr als offensichtlich.

Doch Widerstand regt sich – von einer Seite, die nicht einkalkuliert wurde, aber bedeutend ist: den Bewohnern. Die Menschen aus Luhonono bestehen darauf Schuckmannsburger genannt zu werden. Eine Delegation der wichtigsten Chiefs der Sambesi-Region war letzte Woche auf dem Weg nach Windhoek, wollte direkt zum Präsidenten Hifikepunye Pohamba vorgeladen werden. Ihr Anliegen: Die Namensänderungen der Region sollen rückgängig gemacht werden. In Lüderitz, nein ǃnamiǂNûs, dasselbe: Ein mehrheitlich von der nicht-weißen Bevölkerung getragener Widerstand bricht sich Bahn: wütende SMS-Kampagnen werden gestartet, empörte Facebook-Gruppen gegründet („Luderitz Not Naminus“) und Gemeindetreffen einberaumt, hiesig auch gerne meetings genannt. Man sei doch schließlich stolzer Buchter aus Lüderitz und nicht ǃnamiǂNûs.
Die postkoloniale Symbolpolitik hat offenbar einen sensiblen Nerv getroffen und außer Acht gelassen, dass Menschen sich mit einem gegebenen Stadtnamen identifizieren können, dieser mitunter zu einem Fixpunkt der eigenen Selbstverortung wird.
„Problematisch“, denkt der Ethnologe und betrachtet das Geschehen mit einiger Verblüffung. Die neuerliche Symbol- und Umbenennungspolitik der SWAPO, regierende Partei seit der namibischen Unabhängigkeit von 1990, hat zwar im Vorfeld des Wahljahres 2014 an Fahrt gewonnen, aber in welche Richtung fragt man sich nun?
Zeit für diese und ähnliche gedankliche Ausschweifungen bleibt aber nicht. Es wartet ein Termin, den es wahrzunehmen gilt und die eigene Untersuchungsgruppe betrifft: die Jahreshauptversammlung des Deutschen Kulturrats in Windhoek. Zentrales Thema: die angedrohte Entfernung des Reiterstandbilds im Herzen Windhoeks. 1912 eingeweiht, ist es seitdem einer der Wahrzeichen dieser Stadt. Viele ranghohe Mitglieder der SWAPO, einschließlich dem Präsidenten, ereifern sich aber an der kolonialen Bildsprache des nationalen Monuments. Es soll weg. Deutschland könne den Reiter gerne wieder haben, aber hier im schlagenden Herzen des Landes sei er provokativ und verletzend. Die deutschsprachigen Namibier befinden sich erneut in der Defensive: manche resignieren, manche fühlen sich ohnmächtig, manche blenden aus, manche ignorieren, manche suchen den Ausgleich und manche schäumen vor Wut.

Die Versammlung tritt zusammen. Einige Dutzend deutschsprachige Namibier warten, das es losgeht. Die Jahreshauptversammlung wird wie alle anderen ablaufen. Das ist es, was die meisten im Saal denken, einschließlich mir, dem interessierten Beobachter. Aber Irrungen sind ein ganz entscheidender Teil des Lebens: Ein Konvoi fährt ein. Comrade Jerry Ekandjo, „Honourable Minister of  Youth, National Service, Sport and Culture“ – ein SWAPO-Veteran der ersten Stunde –  betritt den Raum, sein Beraterstab sowie Assoziierte im Anhang. Nach einer kurzen Einleitung, wie es zu der erstmaligen Einladung in 23 Jahren kam, beginnt Herr Ekandjo seine eindringlich-versöhnliche Rede. Zwei Stunden weicht er kaum vom Rednerpult, fordert die hiesigen Deutschen zu mehr politischer Mitgestaltung Namibias auf, erklärt, dass es gute und schlechte Vergangenheiten gäbe  und teilt die Versetzung des Reiterstandbilds in den Innenhof der Alten Feste mit. Neben versöhnlichen Worten fallen auch mahnende, mitunter harte: Es gäbe viele Deutsche, die nicht im Einklang mit den Prämissen des neuen Staates leben, sich in ihrer eigenen Welt isolierten, ethnisch abschotteten und nicht einmal die namibische Nationalhymne singen könnten.
Und da ist sie: Eine politisch sensible Situation, die bis aufs Zerreißen gespannt ist. Die als abgegrenzt wahrgenommene deutschsprachige Minderheit steht bei solch weitreichenden Vorwürfen unter Handlungszwang, muss sich beweisen vor so hohem Besuch und zeigen, dass sie Namibias würdig ist. Es geht um ihre Anerkennung und um einen gemeinsamen Platz unter dem schützenden Dach der Nation.
Die Anwesenden handeln: Sie beteuern, die Nationalhymne singen zu können und ihr Vorredner besteht darauf am Ende der Diskussion, dies gemeinsam zu tun – aus voller Brust. Am Ende der Diskussion wird das Versprechen eingelöst. Man stimmt sich langsam ein. 


Was tun als Ethnologe, der aus schlechter Gewohnheit ausgerechnet in der ersten Reihe sitzt? Der Kameramann des staatlichen Fernsehens richtet die Linse erwartungsvoll in die sich erhebende Menge. Ich bin natürlich auch im Bild. Dieselbe Menge setzt an. Wenig Zeit bleibt mir noch, bis es soweit ist. Optionen werden geprüft: Nicht mitsingen wäre in dieser emotionsgesättigten Situation denkbar unpassend. Als einziger im Raum nicht aufzustehen und mitzusingen kommt nicht nur einer Missachtung wochenlanger Bemühungen und langsamer Annäherungen des Vorstands des DKR's gleich, sondern verneint die nationale Eintracht in einem Moment, wo sie am meisten einer symbolischen und performativen Bestätigung benötigt.
Also gut. Mitsingen. Aber wie? Ich bin doch kein Namibier, auch wenn das im Raum voller Deutschsprachiger überhaupt nicht auffällt. Die Nationalhymne habe ich per Zufall zweimal gelesen – leider nicht einprägsam genug, wie sich herausstellt. Improvisation und unauffällige Beobachtung sind gefragt. Wie ist die Haltung der Anderen, wo die Hände, was fixieren die Augen? Mimikry im Schnelldurchlauf. Die eingenommene Haltung – beide Beine fest auf dem Boden, aufrechter Rücken, Brust herausgestellt – soll Stolz vermitteln und der sich im Rhythmus öffnende Mund Textkenntnis, nein Textsicherheit, suggerieren. Alle singen. Die Stimmen füllen den Saal. Und nach einigen Minuten ist schließlich alles vorüber.
Sichtlich zufrieden verlässt Herr Ekandjo mit seinem Stab das Gebäude. Ab jetzt ist wieder Tagesordnung und man spürt die sich lösende Anspannung unter den Anwesenden. Mir geht es nicht anders, obwohl ich kein Namibier bin.

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