Mittwoch, 8. Januar 2014

Bettina Schlüter - Galle, Sri Lanka


Bettina Schlüter - Galle, Sri Lanka

 vom 04.09.13 bis 03.03.14


Seit September bin ich in Sri Lanka. Es ist bereits mein zweiter längerer Aufenthalt auf der Insel. Dementsprechend kurz war meine Eingewöhnungszeit, um mich gut durch den Alltag zu bewegen. Ich kenne viele der Gegebenheiten hier, der Besonderheiten und der Gewohnheiten. 



Ich reise mit einem Rucksack an, der gefüllt ist mit den Erfahrungen vom letzten Mal. Er liegt mir leicht auf der Schulter, fühlt sich angenehm und vertraut an. Ich freue mich und fühle mich gut vorbereitet. Die ersten Kontakte stehen und ich schlage meine Zelte in Galle an der Südküste Sri Lankas auf.

Sri Lanka – die Perle des Indischen Ozeans
Sri Lanka – die Träne des Indischen Ozeans


Sri Lanka ist ein wahnsinnig schönes Land und ausgesprochen vielfältig. Paradiesische Strände schmücken die Küstenstreifen, saftig grüne Teeplantagen umkleiden die Hügel des Inlands. Eine Fahrt durch das Landesinnere gleicht einem Streifzug durch einen tropischen botanischen Garten. Das, was wir nur in seiner fertigen, eingepackten, verarbeiteten Form kennen, wächst hier am Straßenrand: Zimt, Koriander, Pfeffer, Curry, Cardamom. Mangos, Papayas und Kokosnüsse wachsen in so ziemlich jedem Garten.



Aber nicht nur landschaftlich, sondern auch kulturell ist Sri Lanka ein reiches Land. Man kann durch Ruinen alter Königsstätte spazieren, buddhistische Pilgerstätten besuchen und sich von hinduistischen Tempeln in den Bann ziehen lassen. Die Alphabetisierungsrate liegt bei über 90 Prozent, die medizinische Versorgung in den urbanen Zentren ist auf einem hohen Niveau und seit dem Kriegsende 2009 hat es keine Terroranschläge mehr gegeben.


Das ist Sri Lanka, die „Perle des indischen Ozeans“.


Doch 30 Jahre Bürgerkrieg und nicht zuletzt der Tsunami 2004 gingen natürlich nicht spurlos an diesem Land vorbei. Manche dieser Spuren, wie die Ruinen der zerstörten Gebäude, sind deutlich zu erkennen. Andere Spuren wie strukturelle Probleme und psychische Erkrankungen liegen mehr im Verborgenen.
Kontinuierlich steigen die Lebensmittelpreise während die Löhne stagnieren.
Die Arbeitsmöglichkeiten sind im Land sehr ungleich verteilt. Alkoholmissbrauch ist allgegenwärtig. Es herrscht großes
Misstrauen unter den BewohnerInnen und es gibt nach wie vor Spannungen zwischen den einzelnen ethnischen Gruppen und innerhalb der Gruppen. Der Präsident schmückt sich mit den Lorbeeren, die er für die Beendigung des Krieges erhielt und zu viele Leute ignorieren seine undemokratischen Machenschaften. Unabhängige Beobachter äußern sich besorgt über die Menschenrechtssituation auf der Insel, beklagen das hohe Maß an Korruption und blicken mit Sorge Richtung Zukunft.


 Das ist Sri Lanka, die „Träne des Indischen Ozeans“


Mein Alltag findet meistens auf der Perlen-Seite statt. Ich habe hier insgesamt ein sehr ausgeglichenes, stressfreies Leben. Ich würde zwar nicht unbedingt für immer in Sri Lanka leben wollen, aber für einen mehrmonatigen Aufenthalt kann ich mich mit der Insel sehr anfreunden. Ich habe meine eigenen vier Wände, einen fahrbaren Untersatz und Freunde, auf die ich mich verlassen kann, sollte irgend etwas schief laufen. Mit meinen (rudimentären) Singhalesisch-Kenntnissen kann ich auch dem größten Miesepeter ein Lächeln entlocken. Regelmäßig werde ich auf Spaziergängen durch meine Wohngegend auf Tee, Kekse, Banane, Reis und alles andere, was der Haushalt gerade hergibt, eingeladen. Auch wenn ich nur kurz meine Miete vorbeibringen möchte, finde ich mich im nächsten Moment mit Papaya- Stücken in der einen und Teetasse in der anderen Hand im Wohnzimmer der Vermieter und gucke gemeinsam eine Art „Sri Lanka sucht den Superstar“.


Meine Forschung hingegen würde ich der Tränen-Seite zuordnen. Ich beschäftige mich mit jenen Frauen, die aus Sri Lanka in die Golfstaaten migrieren, um dort zu arbeiten. Der Bedarf an ungelernten Arbeitskräften aus den Billiglohnländern Asiens ist groß in den Ölländern. Während die Männer für gewöhnlich auf dem Bau schuften, leiden die Frauen unter genauso miesen Arbeitsbedingungen als Haushaltshilfen in den arabischen Familien. Die meisten haben keinen freien Tag in der Woche und arbeiten teilweise 14, 16, 18 Stunden am Stück. Manche haben Glück und bekommen das versprochene Gehalt, das sie in ein neues Leben in Sri Lanka investieren können – sofern der Ehemann das Geld nicht versäuft oder es sich entfernte Verwandte nicht unter den Nagel reißen. Andere haben nicht so viel Glück und bekommen nur einen Teil dessen, was ihnen versprochen wurde. Nicht selten kehren die Frauen verschuldet zurück und stehen am Ende sogar noch schlechter da als am Anfang, weil der Mann eine andere Frau gefunden hat, weil die Kinder psychisch krank geworden sind oder weil die Frau missbraucht wurde und nun schwanger zurückkehrt. Diese Probleme sind bekannt und dennoch migrieren rund 10 % der Sri Lankerinnen im erwerbsfähigen Alter.

Dies ist natürlich kein einfaches Forschungsthema. Aber gibt es das überhaupt? Eine einfache
Forschung? Dadurch, dass hier jeder irgendeine Frau kennt, die in den Golfstaaten war und dadurch, dass ich gute Kontakte zu Organisationen habe, die sich mit der Situation dieser Frauen befassen, komme auch ich mit Rückkehrerinnen in Kontakt. Das ist erfreulich. Aber es gibt ein großes Problem: die Sprache.

Mittlerweile spreche ich zwar etwas Singhalesisch und kann meinen Alltag in dieser Sprache bewältigen, aber für ein vernünftiges Interview ist es so ganz und gar nicht ausreichend. Ich brauche eine Person, die für mich übersetzen kann. Das sollte am besten eine Frau sein. Sie muss natürlich gut englisch sprechen können, sie muss Zeit haben, sie muss sich „frei“ bewegen können, sie muss vertrauenswürdig sein und ich muss sie mir leisten können. Ich hatte schon das ein oder andere kleinere Erfolgserlebnis in der Richtung, doch immer kam etwas dazwischen. D.h., es kam nicht unbedingt etwas dazwischen, sondern die Übersetzerin kam nicht, oder die Informantin, oder beide.



International Migrant`s Day in Colombo

Programm für Kinder der Migrantinnen in Galle
Ich kann hier nicht damit rechnen, dass die Dinge so laufen wie geplant. Auch bei Caritas, mit denen ich hier zusammenarbeite, gibt es ständig Terminänderungen. Manchmal, weil „überraschenderweise“ auf einmal nicht mehr genug Geld da ist, um das geplante Programm durchzuführen, manchmal weil die Kollegin zum Jobinterview in Colombo ist, manchmal weil das nötige Fahrzeug nicht zur Verfügung steht, manchmal aufgrund von Kommunikationsproblemen, manchmal.... es gibt immer einen Grund.

Aber so ist das Forschen – zumindest nach meiner Erfahrung. Es ist ein ständiger Wechsel zwischen Erfolg und Misserfolg, Motivation und Unmut geben sich gegenseitig die Klinke in die Hand, Daten werden erhoben und stellen sich dann als nicht verwendbar heraus. Mal läuft es gut, mal läuft es schlecht.

Noch fehlen mir einige Daten, die ich für eine erfolgreiche Forschung als elementar betrachte, aber dennoch fällt mein Zwischenfazit positiv aus. Dank der Hilfe von Caritas und meiner freundlichen Kollegen wurde ich bereits zu sämtlichen Trainings, Meetings, Demonstrationen, Dorfbesuchen etc. mitgenommen und habe einige Frauen kennengelernt, die in den Golfstaaten waren. Das Problem mit der Sprache nervt nach wie vor, aber noch ist nicht aller Tage Abend. Und vielleicht ergibt sich genau bei der Tasse Tee zu „Sri Lanka sucht den Superstar“ jener rettende Kontakt, der mir bislang noch fehlt.



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