Dienstag, 28. Januar 2014

Florian Eitzenberger - Taiwan


Mobilitätssemester in Taipei von September 2013 bis Februar 2014

Nun bin ich bereits seit 5 Monaten auf der Insel Taiwan in meinem Mobilitätssemester. Die Zeit verging bisher wie im Flug und ich kann es gar nicht fassen, dass ich diesen Ort, der mir inzwischen schon so vertraut geworden und auch ans Herz gewachsen ist, schon bald wieder verlassen muss. 

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Bildquelle: http://taiwantravelblog.com/10-things-you-need-to-know-about-taiwan/
Taiwan ist eine Insel im West-Pazifik vor dem chinesischen Festland und gehört zur demokratischen Republik China. Diese ist nicht zu verwechseln mit der von Mao Zedong gegründeten kommunistischen Volksrepublik China. Relativ schnell kommt man auf Taiwan mit der zum Teil etwas verwirrenden Vergangenheit in Kontakt, zum Beispiel, wenn man auf seinem Studentenausweis oder in anderen staatlichen Dokumenten sein Geburtsdatum in der Zeitrechnung der Republik vorfindet. So befindet sich Taiwan jetzt im Jahr 103 nach dem Ende des chinesischen Kaiserreiches und der Gründung der Republik in China 1912. Die Insel Taiwan, die bis 1945 japanisches Kolonialgebiet war, kam erst nach dem 2. Weltkrieg zurück in das Herrschaftsgebiet der Republik und diente der regierenden Partei Guomindang dann 1949 mit dem Sieg Mao Zedongs und der kommunistischen Partei als Rückzugsgebiet. Das hat zur Folge, dass der rechtliche Status von Taiwan bis heute ungeklärt ist, da die Volksrepublik China auf dem Festland Taiwan als abtrünnige Provinz sieht, während sich die Republik China auf Taiwan als souveränen Staat proklamiert.

Blick vom Universitätscampus aus
Nachdem ich 2012 bereits an einer Chinese Language and Culture Summerschool in Taiwan teilgenommen hatte, erwartete mich bei meiner Ankunft keine gänzlich neue Welt für mich, sondern vielmehr das vertraute Gesicht einer taiwanischen Freundin, die mich am hoffnungslos unterkühlten Flughafen in Taipei empfing. Ich war am Morgen meines Abfluges von Deutschland mit Schüttelfrost und Fieber aufgewacht und hatte nun die 23 Stunden Reise mit Schmerzmitteln überstanden. Bereits an meinem dritten Tag fing mein Vollzeit-Chinesisch-Sprachkurs an der National Cheng Chi University in Taipei an und so blieb wenig Zeit zum Auskurieren. Das Wohnheim, in dem ich untergebracht bin, hat, wie ich schon von meinem ersten Aufenthalt wusste, keine Küche. Kochen ist in Taiwan tatsächlich etwas vollkommen Unnötiges. Essen gibt es hier rund um die Uhr an jeder Straßenecke und nach günstigen Restaurants muss man nicht lange Ausschau halten. Nicht wenige Studenten in Taiwan hatten wohl noch nie einen Kochlöffel in der Hand und machen sich noch eher über einen lustig, wenn man versucht selbst etwas zuzubereiten. Am Abend geht man nicht selten auf die unzähligen Nightmarkets in der Stadt. Eine Ansammlung von Essensständen mit allerlei Leckereien und oft auch Skurrilem, wie zum Beispiel Stinktofu oder fermentiertem Ei.
Im Großen und Ganzen lässt sich feststellen, dass für uns Europäer das Auge doch wesentlich öfter mitisst als für die Taiwaner. Viele Gerichte sehen unappetitlich oder wenig liebevoll auf den Teller geworfen aus, schmecken jedoch wenn man sie erst einmal probiert ausgezeichnet. Einzig einen Mülleimer findet man selten, weswegen man meist den ganzen Abend mit leeren Tüten und Abfall in der Hand herumläuft. Dennoch überlegt man es sich zweimal irgendwo seinen Müll hinzuwerfen, da man beim Anblick der pflichtbewussten Taiwaner doch gar zu schnell ein schlechtes Gewissen bekommen würde. 
So kann man die Taiwaner im Allgemeinen doch als sehr mitmenschlich bezeichnen: Kein Gedränge in der U-Bahn, kein Vordrängeln an Essensständen, umfassende Entschuldigungen bei versehentlichem Anrempeln, unglaublich hilfsbereit und zuvorkommend. Da passiert es einem leicht einmal, dass man, wenn man nach dem Weg fragt, gleich die ganze Strecke begleitet wird oder, dass man, wenn man gerade verloren irgendwo umherirrt, einfach per Anhalter zur nächsten U-Bahn-Haltestelle gefahren, davor aber noch zum Abendessen eingeladen wird. Dementsprechend habe ich hier doch oft das Gefühl, Teil einer großen Familie zu sein, die Taiwan bewohnt.
Meine Freundin und ich am Chiang Kai-Shek Memorial
Dieses außerordentlich heimische Gefühl hat sich bei mir allerdings erst mit dem Erlernen und Benutzen der chinesischen Sprache herausgebildet. Nach etwa 2 Monaten täglichem Sprachkurs konnte ich schon deutliche Fortschritte in meinem Chinesisch feststellen und ich merkte, wie man plötzlich ganz anders in dieser fremden Kultur agieren kann und Erfahrungen macht, die einem sonst verborgen geblieben wären. Meiner Meinung nach bekommt man mit dem Erlernen der Sprache auch mehr Verständnis für das Verhalten der Leute und das alltägliche Miteinander. Nach und nach kann man Speisekarten, Straßenschilder, Busdurchsagen oder Taiwaner im Gespräch verstehen und die Kultur damit besser kennenlernen. 

Am Zhinan-Tempel
Der Sprachkurs nimmt jedoch sehr viel Zeit in Anspruch. Da blieb insbesondere am Anfang wirklich wenig Freiraum mich einmal mit meinem geplanten Studienprojekt mit dem Thema „Pilgerschaft zum Zhinan-Tempel“ zu beschäftigen. Der Zhinan-Tempel ist Taiwans berühmtester taoistischer Tempel und ist relativ nahe an meiner Uni gelegen. Als ich den Tempel das erste Mal mit einer anderen Austauschstudentin besuchte, wurden wir gleich von einer alten buckligen Frau empfangen, die uns jeweils drei entzündete Räucherstäbchen in die Hand drückte, durch die ganze Tempelanlage führte und uns bei jeder mehr oder weniger berühmten Gottheit aufforderte uns dreimal zu verbeugen. Nach gefühlten 50 Verbeugungen durften wir die Räucherstäbchen dann auch in eine Schale stecken und die Frau abwimmeln, die uns nun Anhänger mit der Tempelgottheit verkaufen wollte. Mit meinem Chinesisch versuchte ich dann schon bald ein paar Tempelangestellte zu genaueren Abläufen und Einzelheiten im Tempel zu befragen, merkte jedoch schnell, dass zwar meine Fragen verstanden wurden, mein Chinesisch aber bei Weitem noch nicht ausreichte, um die speziellen Begriffe im Tempelvokabular zu verstehen und bei den allgemeinen Antworten genauer nachzuhaken. 
Von Deutschland aus hatte ich bereits Kontakt mit einer amerikanischen Sozialwissenschaftlerin namens Linda hergestellt, die sich insbesondere auch mit Religion in Taiwan befasst hat und des Öfteren den Zhinan-Tempel besucht. Sie machte mich mit einer Art Schamanen oder auch Medium (über die Definition bin ich mir noch nicht sicher) im Tempel bekannt, der für die Tempelpilger Probleme löst, einen Blick in die Zukunft wirft oder spezielle Rituale für sie ausführt. Ich komme nun öfter in den Tempel, um die Leute anzusehen, die ihn besuchen und die Rituale, die er ausführt, um ihnen zu helfen. Leider kann ich sein Chinesisch fast gar nicht verstehen, weswegen mir zuerst von einer Tempelangestellten von Chinesisch in Chinesisch übersetzt wurde. Da das aber auch nicht das Gelbe vom Ei war, bat ich Linda um Hilfe mir beim Führen von Interviews zu helfen. Bereits beim ersten Interview erzählte uns der Meister, dass er sich nun in seiner 11. Inkarnation auf der Erde befinde und bereits im Alter von 3 Jahren sein Schicksal und den Sinn seines Lebens wusste, dass dazu bestimmt sei anderen Menschen zu helfen.
In etwa zur gleichen Zeit bemerkte ich eines Abends Vorbereitungen einer großen Feier in einem Tempel gleich neben meiner Unterkunft. Ich erkundigte mich daraufhin um welche Feierlichkeiten es sich handelt und erfuhr, dass am nächsten Tag der Geburtstag des Tempelgottes sei und Priester engagiert wurden, die spezielle Rituale dafür ausführen sollten. Als ich am nächsten Tag den Tempel besuchte,  bekam ich am späten Nachmittag eine Schamanin oder weibliches Medium zu Gesicht, das sich komplett anders präsentierte als der Meister im Zhinan-Tempel. Ihre Augen waren von einer Augenbinde verdeckt und sie sprach mit einer tiefen Stimme. Der Stimme des Tempelgottes. Ich merkte, dass sich mein Studienprojekt in eine ganz bestimmte Richtung zu entwickeln schien, nämlich in die des Schamanismus.

Nun bin ich bereits fast am Ende meines Aufenthalts angelangt und habe schon ein paar Interviews und unzählige Eindrücke im Rucksack, den ich mit mir zurück nach Tübingen nehmen werde. Die Erlebnisse und Erfahrungen eines Auslandsaufenthalts sind wirklich horizonterweiternd. Ich möchte keinen Moment davon missen und freue mich schon auf die Entdeckungen, die noch vor mir liegen.

Florian Eitzenberger
Januar 2014

Blick auf den Taipei 101 vom Xiangshan aus



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