Montag, 3. Februar 2014

Annabell Körner - Tbilisi, Georgien



Annabell Körner – Tbilisi, Georgien

Mobilitätssemester in Georgien (September 2013 bis Februar 2014)

Die Luft um mich herum ist schwer, ich rieche den Weihrauch, der, wie es mir scheint, vor einer Ewigkeit in der Kirche verteilt wurde. Wie lange stehe ich schon hier? Und wie lange werde ich hier noch stehen können? Endlich, eine ältere Dame neben mir seufzt und holt ihr Handy aus der Tasche, um die Uhrzeit zu überprüfen. 02:00 Uhr morgens. Bin ich wirklich erst drei Stunden hier? In meinen Gedanken bedanke ich mich bei meiner Nachbarin für ihre Unruhe – will ich als einzige Ausländerin in diesem Gottesdienst doch nicht dadurch auffallen, dass ich ungeduldig die Uhrzeit überprüfe. Um mich herum raschelt es. Auch den anderen werden langsam die Beine schwer. Ich sehe Menschen, die sich unauffällig an die Wände anlehnen oder rastlos von einem Bein aufs andere wackeln. Andere sind vollkommen konzentriert. Auch ich stehe ganz still, fast bewegungslos, und versuche, den Handlungen des Priesters zu folgen, auch wenn ich kaum verstehe, was dort vorne vor sich geht, und meine Gedanken immer wieder abschweifen, und sich in den wunderschönen mehrstimmigen Gesängen des Frauenchors und dem Flackern der Kerzen verlieren.

Seit fast fünf Monaten lebe ich nun in Georgien, einem kleinen Land mitten im Kaukasus. Wenn der Kaukasus in den deutschen Medien erscheint, wird er immer wieder mit dem gleichen Attribut versehen: „wild“ – mag es nun auf die unberührte Natur im Hochgebirge, die Lebensweise der Menschen in dieser Bergregion oder auch auf die politische Situation in diesem Gebiet hinweisen, welches nach dem Ende der Sowjetunion immer wieder von Sezessions- und Bürgerkriegen heimgesucht wurde.


Der „wilde“ Kaukasus
Mir selbst kommt Georgien nicht sonderlich wild vor, gerade hier in der Hauptstadt nicht. Bei meiner Ankunft war ich sogar fast ein wenig enttäuscht, denn das überwältigende Gefühl der Fremdheit, des Neuen und des Abenteuers, das ich aus meinen letzten Auslandsaufenthalten kenne, blieb aus. Es ist mein dritter längerer Aufenthalt in diesem Land. Alle wichtigen und weniger wichtigen Sehenswürdigkeiten sind bereits bereist. Auch in Tbilisi, der Hauptstadt Georgiens, welche ich für meinen Studienaufenthalt und meine Feldforschung gewählt habe, habe ich schon mal ein paar Wochen gelebt. Vieles ist mir bereits vertraut. Ich weiß, mit welcher Marschrutka ich zur Uni komme, wo ich welche Produkte einkaufen kann und in welchem Restaurant das Essen besonders gut schmeckt. Aus diesem Grund war eine meiner ersten Handlungen der Kauf eines Chatschapuris, einer mit salzigem Käse gefüllten Teigtasche, die man in Georgien an jeder Ecke bekommt, und deren Geschmack geradezu süchtig macht.

Die Sameba-Kathedrale. Seit ihrer Fertigstellung 
2004 ist sie die größte Kirche des Südkaukasus
Kurz darauf begann die Suche nach einer Gastfamilie, welche sich als sehr viel schwieriger herausstellte, als ich anfangs vermutet hatte. Da das Semester an der Uni bereits kurz nach meiner Ankunft beginnen sollte und so ziemlich jeder Student in Georgien versucht, zum Studieren in die Hauptstadt zu kommen, waren die meisten freien Zimmer bei Familien schon vergeben. Außerdem war ich auch nicht ganz anspruchslos. Ich wollte nicht bloß ein Zimmer, sondern bitte auch Familienanschluss, am besten bei einer religiösen Familie mit mehreren Kindern, um meine Feldforschung über die Bedeutung von Religion in der Moralerziehung innerhalb georgisch-orthodoxer Familien auch in meiner Gastfamilie durchführen zu können. Das orthodoxe Christentum spielt in der georgischen Öffentlichkeit eine wichtige Rolle und ist stark mit der Identität der Menschen als Georgier verknüpft: Nur wer georgisch-orthodox ist, kann auch ein „echter“ Georgier sein. 

Fast einen Monat hatte es gedauert, bis sich dieser Wunsch erfüllte. Vielleicht habe ich bei meiner Suche auch nicht deutlich genug gesagt, dass ich für meine Unterkunft natürlich auch gerne bezahle und um welche Summe es sich handelt. Als Deutscher scheut man sich ja manchmal sehr, über Geld zu sprechen. Als dies dann aber klar war, ging es plötzlich ganz schnell. Ein holpriges Telefongespräch auf Georgisch, und einen Tag später stand ich bei meiner Gastfamilie im Wohnzimmer. Hier musste noch ein kleines Detail geklärt werden: Ob ich denn ein Zimmer (otachi), oder eine Familie (odschachi) suche. Die beiden Wörter sind sich im Georgischen sehr ähnlich. Ein eigenes Zimmer könne man mir zwar nicht anbieten, dafür aber das Leben in einer Familie. Alle waren so nett und herzlich, dass ich zwei Tage später einzog. Und plötzlich begann auch die Zeit, die ich in meinem ersten Monat hier vermisst hatte. Das Leben in einer Familie mit sechs Kindern, vom Säugling bis zum Teenager, die starke Präsenz der Religion im Alltag, das Fehlen eines eigenen Zimmers und damit der Möglichkeit, einfach mal die Tür schließen zu können, dafür aber die enge Einbindung in die Familie – nun war ich in der Fremde angekommen. 

Tschurtschchela (eine georgische Süßigkeit)-Ziehen
 mit der Mutter meines Gastvaters

Meine Gastfamilie unterstützt mich sehr bei meiner Forschung. Es ist ihnen wichtig, dass jemand über ihr Land schreibt, ein Land, auf das sie sehr stolz sind, das aber im Westen kaum bekannt ist. Meine Gastmutter wird nicht müde, mir bei unserem täglichen gemeinsamen Frühstück immer wieder alles ganz genau und langsam zu erklären. Sie spricht mit mir über die Heiligen, über die Erziehung ihrer Kinder, und über die Rolle des orthodoxen Christentums in Georgien. Verständigen können wir uns nur auf Georgisch. Es muss mühsam für sie sein, mir zuzuhören und tagtäglich die gleichen Fehler zu berichtigen, doch das tut ihrer Herzlichkeit keinen Abbruch. Meine achtjährige Bettnachbarin hat es sich zur Aufgabe gemacht, mein Georgisch zu verbessern. Täglich bekomme ich Hausaufgaben von ihr und muss Kindergedichte auswendig lernen. Im Gegenzug helfe ich ihr bei ihren Deutschhausaufgaben. Vier Kinder der Familie lernen Deutsch, und mit den älteren kann ich mich auch auf Deutsch recht gut verständigen. Mein Gastvater spricht etwas Englisch.


Ikonen in der Wohnung meiner Gastfamilie

Nicht nur georgisch-orthodox sein, sondern wirklich religiös leben, das bedeutet hier: Sieben Gebete am Tag, Kirchbesuche am Samstag Nachmittag und am Sonntag Morgen, welche bis zu vier Stunden, an Feiertagen auch länger, dauern können, und das Einhalten der Fastentage am Mittwoch und Freitag, beziehungsweise der Fastenzeit vor Weihnachten und Ostern, welche mehrere Wochen andauern. Schon die Kleinsten werden ganz langsam an diese Regeln gewöhnt.
Da nun meine letzten Wochen in Georgien angebrochen sind und das Semester an der Universität beendet ist, sodass ich viel Freizeit habe, organisiert mir meine Gastmutter fast täglich Interviews mit Menschen aus ihrem Freundeskreis und aus ihrer Gemeinde. Ich merke, wie ich immer stärker akzeptiert werde. Während ich in den ersten Wochen den Gottesdienst nach einer Stunde verlassen musste, da ich als Protestantin mit meiner Anwesenheit die liturgische Feier der Eucharistie stören würde, darf ich nun die ganze Zeit bleiben. Vor kurzem hat mein Gastvater bei seinem Priester sogar durchgesetzt, dass ich während des Gottesdienstes die Segnung mit Öl auf der Stirn erhalten durfte, denn ich sei ja quasi wie eine „Anwärterin“ zu sehen.

Ein ehemaliges Hotel im Kurort Zqaltubo, 
heute eine Unterkunft für Flüchtlinge aus Abchasien
Ich bin meiner Gastfamilie sehr dankbar, dass sie sich so für meine Forschung einsetzt. Und ich freue mich, meine Feldforschung zu einem Zeitpunkt durchgeführt zu haben, an dem ich nicht mehr das Gefühl hatte, jedes Wochenende an die spannendsten Orte des Landes reisen zu müssen, sodass ich tatsächlich die Möglichkeit hatte, im Hier und Jetzt mit meiner Gastfamilie zu leben. Interessante Ausflüge habe ich trotzdem gemacht. Und ich war überrascht, wie viele wunderschöne versteckte Orte sich auch nur einen Tagesausflug um Tbilisi herum befinden, die aber auf kaum einer Touristenkarte eingezeichnet sind, sodass ich malerisch gelegene Klöster, neu renovierte Burgen, ehemalige sowjetische Badekurorte, Städte, deren wichtigsten Verkehrsmittel halb verrostete Seilbahnen sind, und ganze Dörfer in der recht blutigen Vorbereitung auf den folgenden Markttag für mich entdecken durfte. 

Mein Aufenthalt in Georgien geht dem Ende zu. Ich freue mich bereits auf deutsche Zentralheizungen, ungefährliche Steckdosen und mein eigenes Zimmer. Aber ich weiß auch, dass ich das Leben in meiner Gastfamilie vermissen werde und dass ich sicherlich zurückkommen werden, und das nicht nur, um wieder mein tägliches Chatschapuri essen zu können.

Landschaft bei Tbilisi


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