Mittwoch, 26. März 2014

Carl Schwarz - Orissa, Indien



Carl Schwarz - Orissa, Indien

Seit einem Monat befinde ich mich nun wieder auf unserer Insel der Glückseligen. Zurückgekehrt aus … Indien. Doch was heißt das schon. Indien. Nach 4 Monaten Anthropologiestudium in Orissa, einem guten Monat Selbstfindung in Karnataka und kleineren Ausflügen nach Goa, Kerala und Kalkutta ist für mich das Konstrukt Indien zu einer zu wagen Aussage geworden, um damit annähernd hollistisch zu arbeiten. Ein Viele wie ich es noch nicht erlebt hatte. 


Angekommen mit Erzählungen aus den Indien-erprobten Tübinger Ethnologie- und Indologieinstituten, von befreundeten Indienreisenden, vermischt mit vermeintlichen spirituellen Wurzeln und Sinngebungserfahrungen und geprägt von den literarischen Hinterlassenschaften von Generationen europäischer  Morgendlandfahrer, mit einer ordentlichen Ladung Orientalismus vermischt, blieben zunächst die üblichsten Teile der Erfahrungsberichte am prägnantesten wie: viele Menschen, Chaos, Armut, Kühe, bunte Kleider und Gerüche und die Warnungen vor gierigen Händlern, die geschickt versuchen werden mich übers Ohr zu hauen.
Nach einem anstrengenden ersten Tag in Kalkutta und der ersten Nachtzugfahrt nach Sambalpur befand ich mich also in Orissa, dem Teil Indiens, in dem ich am längsten und intensivsten Gast sein durfte. Und dort standen auch gleich die gierigen Händler und Rikshaw-Fahrer Schlange, um die übergut zahlenden ausländischen Gäste in Empfang zu nehmen.

Nach harten  Verhandlungen traf man sich bei einem mir annehmbar erscheinenden Preis, nur um nach der ersten Woche festzustellen, dass wir teilweise weniger als das Übliche gezahlt hatten. Meine erste verwunderliche Erkenntnis war also, trotz zahlreicher anderslautender Warnungen, ein aufrichtiges, neugieriges Begegnen seitens der Einheimischen, auch wenn korrumpierendes Geld mit im Spiel ist. Merkwürdig.


 
Die Sambalpur Universität war für mich erstmal… Uni. Schwieriges Terrain für die Lebensrealitäten der Bevölkerung repräsentierende Begegnungen. Aus wohlhabenden, aufstiegshungrigen und\oder abstiegsangsterfüllten Verhältnissen Kommende. Leider sah ich mein globalisiert scheinendes Vorurteil der Überkonformität in diesen Schichten gefühlt bestaetigt.
Beispiel: Streiks. Oft wurde gesteikt. Mit breiter Unterstuetzung und manchmal sogar durch Zwang - als eines gewoenlichen Tages ein Streikkomiteeabgeordneter im kleinen Anthropologieinstitut auftauchte und verkündete, wenn er nochmal kommt und der Unterricht trotz Streik statt findet, wird die Einrichtung demoliert. 
Also gut, Streik.
Wogegen, wofür wird jedoch eigentlich gestreikt? Auf Nachfragen im Institut und bei Mitstudierenden wird lächelnd ausweichend reagiert. Einer der vertraut gewordenen Lehrer grinst etwas verlegen und scheint verwundert über unser Interesse an den Streikgründen.  Außer dass es um Anwälte geht, die eine kommende Wahl boykottieren wollen. Mehr können wir nicht in Erfahrung  bringen.

 
Während meines ersten Sambalpur Stadtbesuches mit Gunilla – circa eine dreiviertel Stunde Bus-, Rikshaw- oder Radfahrt entfernt – finden wir unseren Weg, durch unbekannte Geschicke gelenkt, in den Bhura Raja-Mandir. Ein kleiner Tempel auf einem bewaldeten Hügel ohne Trubel und ohne Spendenkiste. Freudig-neugierig werden wir inspiziert und ehe wir es uns versehen, sitzen wir Tee trinkend und rauchend in einer kleinen Runde Männer beim Schachspielen und erproben anderweitige Kommunikationswege. Bei einem kleinen Spaziergang wird uns der bewaldete Hügel mit herrlicher Aussicht auf die Umgebung gezeigt. Es werden uns die Namen und teilweise die Verwendungsweisen verschiedener Pflanzen erklärt und in einer anderen Ecke des Hügels hat Ram höchstpersönlich in massivem Fels einen Fussabdruck hinterlassen. Zum Abschied bekommen wir noch eine Kleinigkeit zu essen und werden auf die Trinad-Mela am kommenden Sonntagabend eingeladen. Ein regelmäßiges Fest zur Huldigung Brahmas, Vishnus und Shivas.
Nächsten Sonntag steigen wir also bei Mondschein wieder den besagten Hügel hinauf, wo wir etwas verspätet ankommend mit Handzeichen in eine Runde von einem guten Dutzend in einer Ecke des Tempelhofes Sitzender aufgenommen werden. Vor der restlichen Gruppe liest ein Priester im Sprechgesang aus einem Buch. Die Teilnehmer haben es sich auf Decken bequem gemacht, rauchend, manche mit geschlossenen Augen wippend in Trance versunken, andere einfach bedächtig, still zuhörend. In unregelmäßigen Abständen erfolgt eine kurze kollektive Antwort auf die Worte des Priesters. Bald wird gemeinsam aufgestanden und zu einem wenige Meter entfernten Schrein gewandelt, wo sich die drei Gottheiten,  Brahma, der Erschaffer, Vishnu der Bewahrer und Shiva der Zerstörer befinden. Ihnen wird durch Verbeugung gehuldigt. Der Priester segnet durch eine Farbmarkierung auf der Stirn die Teilnehmer und es wird das Prasad verteilt. Die Zeremonie ist beendet und alle Teilnehmer versammeln sich wieder auf den Decken und es kommt zu Gesprächen. Wir erfahren, dass die meisten Anwesenden Handwerker, ein Polizist, Arbeiter sind. Es kommt zu einer Situation, in der jemand seine vielleicht ein wenig verärgerte Verwunderung über unsere Anwesenheit bekundet. Unser Hauptansprechpartner, da er am besten Englisch zu sprechen scheint, erwidert etwas wie “…they respect us…”. Ich bin mir bei dieser Deutung alles andere als sicher. Sie spiegelt jedoch meinen Eindruck des funktionierenden Tempels in Orissa wieder: Jeder Respektierende ist willkommen, den Tempel mit zu benutzen. Es scheint eine Runde Altbekannter und Freunde zu sein, die, da kein Spenden durch Besucher üblich zu sein scheint, ihren Tempel vermutlich selbst tragen und somit in ihrem Sinne erhalten können.


Und auch auf die andauernden Streiks kommen wir zu sprechen und erfahren sicher nur einen Teil der Wahrheit und der Beweggruende, aber wenigstens einen Teil.
Kosal. Der Name für ein angestrebtes autonomens Bundesland, bestehend aus den Regionen Westorissas. Die sparatistische Bewegung erfährt breite Unterstützung vielschichtiger Teile der Bevölkerung des ärmeren, zum grossen Teil tribal geprägten und rohstoffreicheren Westens von Orissa. Mir genannte Gründe sind die ungleiche Verteilung  der Staatsfinanzen und Investitionen in Infrastruktur und Bildung im Osten um die Hauptstadt Bhubaneswar und entlang der Küste, die deutlich weniger tribal und stärker hinduistisch geprägt ist. Auch sind die meisten grossen Damm-, Bergwerk- und Industrieanlagenprojekte im Westen zu finden, welche regelmäßig zur Verwüstung großer Landstriche, Umweltverschmutzung und versagend umgesetztem Resettlement von unzählbaren Einheimischen führen, die tief in Symbiose und Abhängigkeit mit dem Grund und Boden, auf dem sie geboren wurden, leben. Gut bezahlte Arbeitsplätze, die dabei geschaffen werden, kommen weniger den vergleichsweise schlecht mit Bildung versorgten Menschen in Westorissa als den von auswärts Kommenden mit höherer Bildung zugute.
Diesmal gewinnen sie den schon Jahrzehnte andauernden Kampf, wird uns versichert.



Ale do buru sed merom gupi chala kana – Wir gehen mit den Ziegen in den Wald
In Orissa an der Sambalpur Universität war ich nun also. Die laufenden Veranstaltungen der Erst- und Drittsemester des Master of Anthropology und des Master of Social Work stehen mir zur Verfügung. Die beiden Institute sind eng miteinander verzahnt. Die Anthropologen der Sambalpur Universität werden nicht, wie in der europäischen Ethnologie üblich, dafuer geschult, Kulturen, die gänzlich unabhängig von und außerhalb des eigenen Kulturkreises angesiedelt sind, zu erforschen, sondern werden gezielt auf regional vorhandene, von der indisch, hinduistischen Kultursphäre sich unterscheidenden Ethnien spezialisiert. Im Falle der Sambalpur Universität in Westorissa mit hohem Anteil tribaler Bevölkerung liegt ein starker Fokus auf tribal studies. Im Sinne des allumfassenden development plan also spezialisierte social worker für gesonderte Kulturen in der indischen Bundesrepublik.
Die Veranstaltungen, die ich besucht habe, waren neben den anthropologischen Veranstaltungen tribal studies und resettlement and rehabilitation noch social legislation and welfare des Master of Social Work. Dazu sporadisch einzelne andere Veranstaltungen. Die Unterrichtssprache Englisch macht es mir, nach Eingewöhnungsphase, recht leicht den Worten der Dozenten zu folgen. Jedoch, die sich teilweise recht stark unterscheidenden Englischkenntnisse meiner indischen Mitstudierenden lassen bei Nachfragen und aufkommenden Diskussionen die Unterrichtssprache oft in Oriya und oder Hindi, vermischt mit Englischen Fachwörtern abdriften. Meine leider noch immer mangelhaften Hindi- und Oriyakenntnisse waren mir dabei keine Hilfe. Der geplante Oriya-Sprachkurs, um unser angefangenes Sprachstudium fortzuführen kam leider immer erst “soon” zu Stande. Bis er nach den ersten Wochen zögerlichen Selbststudiums ganz aus meinen Studienplaenen verschwand, da nach langem hin und her, zögerlichen Zusagen des Instituts und Ungewissheit, ob unsere Teilnahme erwuenscht ist, doch feststand, dass ich zusammen mit Gunilla die Drittsemester-Gruppe der Anthropologen auf eine 6-woechige (bei Abreise war die Zeit auf 3 Wochen geschrumpft) Gruppenfeldforschung in einem kleinen, abgelegenen Santal-Dorf begleiten werde. Also, meine Oriya-Versuche vorerst als gescheitert aktzeptiert und angefangen Santali zu lernen.  Das Dorf, in dem die Feldforschung statt finden soll, ist die Heimat von Suresh Murmu, einem der Dozenten und eben selbst Santal, mit dessen Hilfe ich mir einen kleinen Wortschatz und einige Redewendungen aneignen kann.
So begannen alsdann meine ersten Schritte im Feld. Mit einer Gruppe von einem guten Dutzend Stundenten der Sambalpur Uni, zweier Lehrer als field instructor und zwei weissen Auslandsstudenten fuhren wir morgens noch vor Sonnenaufgang in ein kleines, gepflegtes Dorf ein. Alle Einwohner schienen schon auf den Beinen, um die Strassen zu fegen, sich die Zaehne mit einem Stueck Wurzel zu putzen und die in drei Jeeps anfahrende Gruppe Besucher zu begutachten. Ich und Gunilla werden nach dem Aussteigen in den Hof der Familie unserers einheimischen Lehrers mitgenommen, wo wir von der gesamten Grossfamilie ehrenvoll mit symbolischem Füße küssen begruesst werden. Saeuberlich gefegte Strassen, solch hochachtungsvolle Begruessung - ist das alles echt, oder für die Gruppe inszeniert - kommt uns in den misstrauischen Kopf. Jedoch scheint jedes Santal-Dorf äßerst ordentlich und gepflegt zu sein und die Sonderbehandlung der ausländischen Gäste ist nun wahrlich auch keine neue Geschichte.

Erste Zweifel an der Authentizitaet bei Seite geschoben und eine kurze Ruhepause eingelegt beginnt die erste Kontaktaufnahme. “Joharge! Abin besge chedleka menama?” – Hallo! Wie geht es ihnen?. Fuehrt zu Verwunderung und freudigen Antworten “Besge, besge!” – Alles gut. Vor allem ein mit hoher Stellung im Dorf und vielen Ziegen ausgestatteter Herr scheint Gefallen am frei kommunizieren mit den auslaendischen Gaesten zu haben. In den naechsten Tagen nimmt er mich mit, die Fischreusen zwischen den das Dorf umgebenden Reisfeldern zu wechseln, wir verbringen Arbeitspausen nebeneinander sitzend und ich darf ihn und seine Ziegen beim Ausführen in den Wald begleiten. Dabei zeigt er auf Pflanzen, Gegenstände und was ihm gerade in den Sinn kommt und sagt mir die Santali-Woerter dazu, in einer Geschwindigkeit, dass ich schwer beschäftigt bin mitzuschreiben und zu versuchen, mir so viel wie möglich zu merken.
Noch am eindrücklisten ist mir das Fußball spielen mit der männlichen Dorfjugend geblieben. Zu zweit auf klapprigem Rad über die zahlreichen Straßenhügel wackelnd, weiter zu Fuss zwischen Reisfeldern auf schmalem Weg balancierend und auf einem gut gefüllten improvisierten Fussballfeld mit mir völlig unuebersichtlicher Teameinteilung in den Sonnenuntergang zu kicken. Für mich sehr wertvolle teilnehmende Beobachtungen, die mir einen kleinen Eindruck des alltäglichen Lebens im Dorf abseits der Interviews zu den konstruierten Fragen der Forschung bietet.

Die ersten praktischen Forschungserfahrungen mache ich mit Hilfe von unserem einheimischen Lehrer und dessen Cousin als Übersetzer. Ich versuche, verschiedene Formen der Auswirkungen und Veränderungen im Zuge von development und Anschluss an die indische mainstream-Gesellschaft und dem Aufeinandertreffen von tradierter, dörflicher Lebensweise und einem modernen, neu enstehenden Lebensmodell zu untersuchen. Nach den ersten Gesprächen bekomme ich schnell Anhaltspunkte und Ideen, um das Thema einzugrenzen, zusammen mit Namen von anderen Dorfbewohnern, bei denen ich weitere Informationen erhalten könnte. Verbindungen knüpfen sich, die Gegend wird erkundet, ich lerne neue Worte, die Forschung scheint sich gut zu entwickeln und ist heiter motivierend.
Der vierte Tage bricht an. Unser Lehrer Suresh Murmu ist in der nächsten größeren Stadt um beim lokalen police supervisor zu melden, dass sich zwei Ausländer in der als “protected tribal area” deklarierten Gegend aufhalten. Es kommt wies kommt. Wir sollen am gleichen Abend mit der zweiten uns begleitenden Lehrerin Rashmi Pramanik unverzüglich, ohne Umwege, zurück an die Sambalpur Universität kommen. Die neuen police regulations waren dem Institut bisher nicht bekannt. Aus 6 Wochen sind 3 und letztendlich 4 Tage geworden…
Es folgt Frust und eingestauchte Motivation.
Gefühlt wurden Versprechen nicht eingehalten, wenig Empathie für unsere schwierige Lage auf uns fremden Boden entgegen gebracht und was am ärgsten schmerzte, wir konnten nur über Rechtfertigung durch Forschungsprojekte und genauer Planaufstellung waswannwo die Universitaet länger als einen Tag lang verlassen. Überlegungen, die letzten 2 Monate an der Sambalpur Universitaet ohne Verlust des Stipendiums zu verkürzen, führten im Austausch mit Gunilla zu der Erkenntnis, dass wir vermutlich von unseren Betreuern im Institut in Tübingen belächelt und zum Durchhalten angehalten werden würden.  Die folgenden zwei Monate war ich also gefangen im Guesthouse der Sambalpur Universitaet.

Meine Lektion: Wie vorgestellt und geplant klappts selten. Durch Improvisation und Durchhaltevermögen bekommt man nichtsdestotrotz, oft ganz unverhofft, sehr viel und braucht nicht aufhören, sich überraschen zu lassen.  

 
Die Semesterzeit überstanden und fast zwei Monaten Zeit frei zu reisen, begann der zweite Teil meiner Zeit in Indien. Nach 4 Monaten ohne die gewohnten Vergnuegungen fand ich diese schnell wieder bedient und konnte Seele und Kopf frei baumeln lassen. Kurze Zeit in Goa und noch 4 Wochen in Karnataka fand ich Gefallen an einer Lebensform, geloest von der gewohnten Heimat und Strukturen und nirgends richtig angekommen, um in dieser liminalen Sphäre besondere, befreite Begegnungen einzugehen. Dabei konnte ich mein nach 4 Monaten Sambalpur Universitätsalltag leicht geschädigtes Indienbild kompensieren und reparieren.

 Viele Indiens durfte ich bestaunen und ein wenig teilhaben. Und erkennen, dass es noch tausendundeins weitere mehr zu entdecken gibt.
Danke, dass ich ein so glücklicher Gast sein durfte und bis bald, Indien, du Merkwürdige.


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